Colloque : Pour un espace littéraire européen
2.03 - Zwei Strategien intellektueller Einmischung: Heinrich und Thomas Mann
Auteur(s) : Steffen Bruendel
Das Verhältnis zwischen Thomas und Heinrich Mann war Zeit ihres Lebens von Konkurrenz geprägt. Dabei stand Heinrich Mann zumeist im Schatten des jüngeren Bruders Thomas. Als scharfer Kritiker wilhelminischer Zustände hat der politische Grundimpuls in seinem Oeuvre nicht nur seine zeitgenössische Leserschaft gespalten, sondern auch seine Rezeption beein-flußt. Demgegenüber gehörte Thomas Mann spätestens seit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises für die Buddenbrooks im Jahre 1929 zum Kanon der deutschen Literatur. Ein weiteres Merkmal des brüderlichen Verhältnisses ist neben der Konkurrenz zwischen beiden ihre stetige gegenseitige Bezugnahme aufeinander. Das Gemeinsame und Trennende der Brü-der bestand darin, „daß der eine der jeweils scharfsichtigste Kritiker des anderen war“ (Gus-tav Seibt).
Zwar ist das öffentliche Interesse an der Künstlerdynastie Mann ungebrochen, aber es bezieht sich primär auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten, die familiären Verhältnisse oder die Werke der Brüder Mann. Werden ihre politischen Stellungnahmen als Intellektuelle betrach-tet, so konzentriert man sich zumeist auf die Ansprachen und Schriften der Exilzeit, die mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann. In ihrem Kampf gegen die NS-Diktatur näherten die Brüder sich einander an, zumindest politisch. Ihre intellektuellen Interventions-strategien unterschieden sich kaum. Betrachtet man aber ihre politischen Äußerungen wäh-rend des Ersten Weltkrieges, stellt sich die Situation ganz anders dar. Ihre Stellungnahmen waren unvereinbar, der „Krieg der Geister“ (Hermann Kellermann), in den viele Intellektuelle begeistert zogen, wurde bei ihnen auch zu einem Bruderkampf, der von Wut, Unverständnis und Haß geprägt war und von beiden mit spitzer Feder sowohl auf dem literarischen als auch auf dem politischen Feld geführt wurde.
Zur Erklärung, weshalb Thomas und Heinrich Mann in der ideenpolitischen Auseinanderset-zung des Ersten Weltkrieges entgegengesetzte Positionen bezogen, wird in der Forschung zumeist das persönliche Element des Bruderkampfes betont, als handele es sich in erster Linie um die kriegsbedingte Zuspitzung des brüderlichen Konkurrenzkampfes. Das aber wird der politischen Dimension jener Auseinandersetzung nicht gerecht. Fragt man, weshalb die politi-schen Gegensätze, die in den öffentlichen Interventionen der Brüder sichtbar wurden, so grundlegender Natur waren, ist nicht entscheidend, ob der Bruderkampf Ausdruck jener Ab-neigung war, welche das Verhältnis der Brüder ohnehin kennzeichnete, oder ob die Abnei-gung durch die gegensätzlichen politischen Vorstellungen verstärkt wurde. Entscheidend sind drei Fragen, die ich in meinem Beitrag beantworten möchte: 1. Wie lassen sich Thomas und Heinrich Mann im literarischen Feld verorten? 2. In welchem Zusammenhang stehen ihre Interventionen zur ideenpolitischen Debatte der Kriegszeit („Ideen von 1914“)? 3. Läßt sich eine Homologie zwischen der jeweiligen Stellung der Brüder im literarischen Feld und ihren Stellungnahmen ins politische Feld feststellen?
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